Interview mit Max Graf – Tatort Lützelburg: Melusina

Kommissar Weber und sein Assistent Max in ihrem dritten Fall. Bei archäologischen Ausgrabungen wird ein geheimnisvoller mittelalterlicher Friedhof freigelegt. Wer war hier einst, weitab jeglicher Besiedlung, beigesetzt worden? Alte Sagen werden bemüht um eine schnellstmögliche Antwort zu finden. Denn da inzwischen eine beispiellose Mordserie das kleine Großherzogtum erschüttert, droht den Ermittlern die Zeit davonzulaufen.

Warum nennen Sie ihre Reihe „Tatort Lützelburg“ und nicht „Tatort Luxemburg“?

Die Lützelburg ist aufs Engste mit der Gründung der Stadt Luxemburg im Jahre 963 verknüpft, stellt quasi die Keimzelle des heutigen Großherzogtums dar und ist von unzähligen Legenden umrankt. Und alte regionale Sagen bilden auch die Grundlage dieser Krimi-Serie. Daher der Name, er soll auf diese Sagen verweisen. Er ist der Brückenschlag zwischen der Vergangenheit mit all ihren kleinen und großen Geschichten und dem gegenwärtigen Krimi.

Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen, sei noch darauf hingewiesen dass der Name „Lützelburg“ während des Zweiten Weltkrieges bedauerlicherweise von den nationalsozialistischen Besatzern und deren einheimischen Kollaborateuren für ihr schändliches Tun missbraucht wurde (siehe z.B. „Stoßtrupp Lützelburg“), so dass ihm fortan etwas Verächtliches anhängt. Ein Grund mehr ihn in seinen ursprünglichen Kontext, Teil des Gründungsmythos Luxemburgs zu sein, zurückzusetzen.

Ihr neuester Tatort-Krimi „Melusina“ stützt sich, dem Namen nach, auf die Legende Melusinas. Wer oder was stellt diese Sage dar?

Die Sage handelt von der Nixe Melusina und deren Gatten, dem Grafen Siegfried, Gründer der Stadt Luxemburg und mythischer Urahn aller Luxemburger. Ist besagte Gründung durch den Grafen urkundlich dokumentiert und somit eine geschichtliche Tatsache, so gehört die Schilderung seiner Liebschaft zu der schönen Nixe ins Reich der Legenden und Märchen. Und ist Teil des oben angesprochenen Gründungsmythos.

„Da es Siegfried aber jahrelang an Geldmitteln gebrach, um auf dem Bockfelsen ein Schloss zu erbauen und Melusina als sein Weib heimzuführen, so nahm er Satans Hilfe gerne an, der sich erbot, ihm das Schloss zu erbauen und ihn mit Reichtum zu überhäufen, wenn er nach dreißig Jahren ihm zu eigen sein wolle. Da prangte über Nacht auf dem Scheitel des Bockfelsens eine herrliche Burg, die stolz in das umliegende Tal herniederschaute. Siegfried vermählte sich mit der schönen Melusina und verlebte fröhliche Tage. Melusina schenkte ihm sieben Kinder … “

Den Anfang und den Schluss der „Sage von der schönen Melusina“ könnt ihr auf den ersten Seiten des Romans nachlesen.

Wieso wählten Sie diese Legende/Sage aus?

Nun, da meine Romane aus der Kommissar-Weber-Reihe, wie gesehen, auf alten luxemburgischen Sagen beruhen, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auf die wohl bekannteste und populärste aller luxemburgischen Erzählungen, quasi die Mutter all unserer Sagen, zurückgegriffen habe.

Ausschlaggebende Faktoren waren allerdings zwei äußerst inspirierende Schlagzeilen: Zum einen wurde zum 1050sten Gründungsjahr der Stadt Luxemburg, 2013, ein Künstler – Wettbewerb unter der Bezeichnung „Melusina“ ins Leben gerufen. Die Skulptur des Gewinners ist übrigens im Tal der Alzette unter den Ruinen der ehemaligen Burg zu bewundern.

Zum anderen wurde im Süden des Landes das Fossil eines Fischsauriers ausgegraben. Er (oder sie) wurde treffenderweise auf den Namen Melusina (offiziell Microleidus Melusinae) getauft und wird demnächst im Museum zu sehen sein. Was zu einer kleinen, aber interessanten Randnotiz führt: Das Museum befindet sich nur ein paar hundert Meter sowohl von den Ruinen der Lützelburg wie auch von dem Standort der ehemaligen Burgkapelle der Grafen von Luxemburg entfernt. Man kann also sagen, Melusina sei nach Hause zurückgekehrt.

Sind ihre Krimis auf wahre Begebenheiten gestützt?

Mein Verleger hat meine Romane einmal als eine bestechend einfache und doch höchst spannende Mischung aus Realität, Sagenwelt und Fiktion bezeichnet. Dem widerspreche ich nicht.

In „Tatort Lützelburg: Grauenstein“ wird unter anderem der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der damals sowohl in Luxemburg wie auch in Trier hohe Wellen geschlagen hat (und das noch immer tut), thematisiert. Einige nicht alltägliche Ereignisse aus dem Rotlichtmilieu runden die Story ab.

In neuesten Werk, „Tatort Lützelburg: Melusina“, stehen die aktuellen Bauarbeiten an der Tramtrasse in Luxemburg-Stadt im Mittelpunkt. Bauarbeiter sind dabei auf die Ruinen der alten Glaciskapelle gestoßen. Andere Ausgrabungen haben Überreste einer Kirche mitsamt Krypta aus dem 13. Jahrhundert sowie mehrere Gräber ans Tageslicht gebracht. Spannender als jede Fiktion.

Der erste Band, „Tatort Lützelburg: Der Dritte Bruder“, entführt den Leser in die Welt des frühen Mittelalters, umrahmt von den malerischen Ardennen. Neben dem legendären Gottfried von Bouillon spielen einige lokale, weniger bekannte Kreuzritter, als Beispiel sei Heinrich von Esch genannt, eine wesentliche Rolle.

Was kann man von ihrem neuesten Krimi erwarten? Ist das Buch nur etwas für starke Nerven?

Nun, da ich beruflich mit Autopsien vertraut bin, sind halt etliche Elemente in meine Romane eingeflossen, seien es gerichtsmedizinische Details oder auch noch die Schilderungen der Morde. Andererseits sind die Menschen heutzutage „dank“ den sozialen Medien doch ziemlich abgebrüht und so werden diese Beschreibungen die wenigsten schockieren. Eine endgültige Bewertung obliegt aber dem Leser.

Haben Sie schon Ideen für weitere Weber-Fälle oder schließen Sie ihre Serie, nach Grauenstein und Der Dritte Bruder, als Trilogie ab?

Da eine schier unendliche Anzahl an interessanten luxemburgischen Sagen existiert, wird, so hoffe ich, noch so bald nicht Schluss sein. Nach den Ardennen mitsamt ihrem belgischen Ableger und der Mosel bis hin nach Trier ist nun die Reihe an der Hauptstadt Luxemburg. Dieser geografischen Ordnung folgend müsste die nächste Leiche im luxemburgisch-französischen Grenzgebiet zu finden sein. Zudem bietet sich die dortige ehemalige florierende Eisenerzverhüttung als Rahmenhandlung an. Passend dazu bin ich auf die Legende der Heiligen Barbara (Bärbel) gestoßen. Mal sehen was, sich ergibt.

Warum verschleiern Sie Ihre Identität hinter dem Synonym „Max“ Graf?

Nun ja, Max ist der Autor, Jean-Claude der andere, der über den ersten wacht, damit dieser es nicht zu bunt treibt. Zugegeben, klingt schizophren … und ist es wahrscheinlich auch. Jedem Kommissar und jedem Autor seine Macke … Bitte nicht allzu ernst nehmen.