Interview mit Ursula Pauls – Himmelslicht

Der Zweite Weltkrieg und dessen Opfer!

Ein aufrüttelndes Buch von Ursula Pauls.  Wer sich für die Geschichte der Medizin und den damit verbundenen Tragödien des Zweiten Weltkriegs interessiert, muss dieses Buch gelesen haben. Mit sorgfältiger Recherche und einem persönlichen Einblick in das Leben von Krankenschwestern überzeugt Ursula Pauls auch mit ihrem neusten Roman Himmelslicht.

Ist Ihr neustes Buch „Himmelslicht“ eher eine Art Lehrbuch über die Medizin des Zweiten Weltkrieges oder eher ein Roman zur Unterhaltung?

„Himmelslicht“ ist ein historischer Roman über eine Krankenschwester im Nationalsozialismus. Im Rahmen der Krankenpflegeausbildung und der späteren beruflichen Erfahrungen der Hauptprotagonistin (Operationsschwester im Krankenhaus und im Kriegslazarett) lernt der Leser einiges über die Medizin jener Zeit. Ich finde es sehr interessant, in historischen Romanen zeitspezifische Dinge zu erfahren. Sehr viele Menschen interessieren sich für Medizin und deren Entwicklung durch die Jahrhunderte. Aus diesem Grund habe ich vieles zu dem Thema in den Roman einfließen lassen, ein Lehrbuch oder Sachbuch ist „Himmelslicht“ aber nicht.

Warum haben sie dieses Buch geschrieben? Was hat sie am Thema interessiert?

Als Krankenschwester bin ich an der Geschichte meines Berufes selbstverständlich interessiert. Der Bereich Nationalsozialismus hatte starken Einfluss auf die Pflege. Menschen, die anderen helfen, sie pflegen und bei der Gesundwerdung unterstützen wollten, haben sich zu Handlangern dieses unmenschlichen Systems entwickelt, manche sind zu Mördern geworden. Wie konnte es dazu kommen? Was wäre aus mir als Krankenschwester geworden, hätte ich zu jener Zeit gelebt?

Zudem bin ich die Patentante meiner gehörlosen Nichte. Was wäre aus ihr geworden? Sie kann heute aufgrund der Erfolge medizinischer Forschung hören und ein nahezu normales Leben führen. Darüber bin ich sehr froh, aber ich bin auch sehr froh, dass die Implantate, die sie trägt erst in jüngster Zeit entwickelt wurden und nichts mit der Forschung im Dritten Reich zu tun haben.

Wie kam es zu dem Titel „Himmelslicht“?

Der Titel „Himmelslicht“ leitet sich von dem fiktiven Namen einer Kinderheilanstalt im Dritten Reich ab. Eine real existierende Einrichtung wollte ich nicht nehmen, da ich nicht weiß, wie es den Opfern dort im Einzelnen ergangen ist. Niemandem wollte ich zunahe treten oder etwas schreiben, was dort nicht so gewesen ist, das hätte ich als nicht angemessen empfunden. Es gab eine solche Einrichtung, die Sonnenstein hieß …

Inwieweit finden Sie sich als Krankenschwester in der Rolle der Thilda Schulz wieder?

In ihrem Interesse für den Beruf. Ansonsten bin ich froh, nicht an ihrer Stelle zu jener Zeit geboren worden zu sein. Natürlich wünsche ich mir genau wie Thilda zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass dieses Tun nicht rechtens ist und Widerstand geleistet zu haben, wenn auch in Form von Sabotage oder Hilfshandlungen an den Insassen des Instituts.

Ist der Charakter im Buch an Ihre persönlichen Erfahrungen als Krankenschwester angelehnt?

Der Beruf hat sich seit jener Zeit extrem gewandelt, sei es in der Kompetenz oder auch besonders in der Verantwortlichkeit, zudem im Verhältnis zur Ärzteschaft. Es geht heute nicht mehr ums „Dienen“ sondern um einen eigenständigen, fachlich qualifizierten Beruf. Die meisten Krankenschwestern damals sind freigesprochen worden, weil sie lediglich die ärztlichen Anordnungen ausgeführt haben, ein Mitdenken seitens der Pflege gab es nicht oder sollte es nicht geben. Von daher ist diese Frage kaum zu beantworten.

Was möchten Sie mit dieser tragischen Story bewirken?

UIDie Verbrechen der Ärzteschaft, wie das berühmte Beispiel Josef Mengele zeigt, sind vielfach recherchiert und aufgearbeitet worden. Die Rolle der Krankenpflege in jener Zeit ist dagegen kaum schriftstellerisch oder filmisch umgesetzt worden. Kaum verständlich, denn viele Pflegekräfte haben getötet, einige von ihnen sind angeklagt, einige verurteilt, die meisten jedoch freigesprochen worden. „Himmelslicht“ will einen Anfang bieten, Lesern das Thema zugänglich zu machen und auch zur weiteren Aufarbeitung animieren. Das wäre mir sehr wichtig und ich würde mich sehr freuen, wenn dies gelingen könnte.