Rezension: Vom Märchenbuch zur Panzerfaust, von Herbert Wirtz

Vom Märchenbuch zur Panzerfaust von Herbert Wirtz

ISBN 978-3-947470-24-2 , 152 Seiten, Preis: 10€, Verlag Stephan Moll 2018

Herbert Wirtz, Jahrgang 1927, hat seine Jugenderlebnisse als Wehrmachtssoldat am Ende des 2. Weltkriegs lange bei sich behalten. Sein im Stephan Moll Verlag erschienenes Buch „Vom Märchenbuch zur Panzerfaust“ ist ein wichtiges Zeugnis vom Schicksal Jugendlicher und junger Männern, die kurz vor Kriegsende vom menschenverachtenden Nazi-Regime in einen aussichtslosen Kampf gezwungen wurden. Seit dem berühmten Nachkriegsfilm „Die Brücke“ von Bernhard Wickie aus dem Jahre 1959 ist der politische und militärische Missbrauch einer ganzen Generation junger Menschen in Vergessenheit geraten und von der militärgeschichtlichen Forschung wenig aufgearbeitet worden.

Herbert Wirtz erzählt, wie er 1944 als Sechzehnjähriger aus einer Bauernfamilie in der Eifel gerissen und zunächst zum Reichsarbeitsdienst einberufen wird. Anschließend absolviert er im norddeutschen Büsum eine Grundausbildung zum Marineinfanteristen. Es gelingt ihm, sich dem Dienst in der Waffen SS zu entziehen. Er landet in einem Volksgrenadierregiment, das an der Westfront bei der Ardennenoffensive unweit seiner Heimat eingesetzt wird. Wirtz schildert authentisch und realistisch seine Erlebnisse in den ungleichen Kämpfen gegen amerikanische Truppen. Er berichtet vom sinnlosen Sterben vieler junger Soldaten und davon, wie schwer es für die Überlebenden war, damit umzugehen. Bewegend ist die Schilderung, wie einer seiner Kameraden im gemeinsamen Schützenloch durch einen Granatsplitter der eigenen Artillerie tödlich ins Herz getroffen wird. Nach dem Scheitern der Ardennenoffensive folgen die Entbehrungen in amerikanischer und französischer Gefangenschaft. Aus den Gefangenenlagern entlassen, kehrt Herbert Wirtz im Sommer 1945 in sein Heimatdorf zurück und beteiligt sich tatkräftig am Wiederaufbau.

„Viele von uns haben ihre Erlebnisse bis heute oder bis zu ihrem Tode nicht verarbeitet, weil wir viel zu jung waren für das, was wir taten und tun mussten.“ schreibt Herbert Wirtz im Vorwort. Er ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und versteht sein spätes Buch als Mahnung an künftige Generationen. Junge Menschen wie er mussten einem verbrecherischen Regime dienen. Sie hatten keine andere Wahl. Jede Herabsetzung verbietet sich angesichts ihrer Erziehung zum Gehorsam und der Kontrolle durch den nationalsozialistischen Machtapparat. Herbert Wirtz und seine Kameraden, von denen viele gefallen sind, verdienen, im Gegensatz zur höheren Führung der Wehrmacht, den Respekt der Nachborenen.

Ein sehr lesenswertes Buch, das vor allem der jüngeren Generation bewusst machen kann, wie wichtig es auch heute unter völlig anderen Umständen ist, sich für eine verantwortungsbewusste Politik einzusetzen.

Helmut W. Ganser

Brigadegeneral a.D.

Dipl.-Psych, Dipl.-Pol.